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Kongress am 08.06.2010

"Pflegezeit ist Lebenszeit! - Die Pflege-Charta umsetzen!"


.„Pflegezeit ist Lebenszeit“ war die Botschaft dieser Veranstaltung des Bundesfamilienministeriums, die am Dienstag, den 8. Juni 2010 im Berliner Congress Center stattfand. Im Mittelpunkt stand die Umsetzung der deutschen Pflege-Charta mit Praxisbeispielen aus der ambulanten und stationären Altenpflege. In den unterschiedlichen Beiträgen wurde deutlich, dass eine Zeit der Pflegebedürftigkeit auch ein selbstbestimmter und gestaltbarer Lebensabschnitt sein kann und ist. Rund 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer informierten sich anhand von Vorträgen, Gesprächsrunden und einem „Markt der Möglichkeiten“ über die Themen Pflege, Gesundheit, Wohnen, Selbsthilfe und Verbraucherschutz

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Bundesfamilienministerin Dr. Kristina Schröder, die in ihrer Rede hervorhob, dass es künftig immer mehr pflegende Angehörige geben werde, die deutlich mehr Unterstützung benötigten. Die Menschen würden immer älter und – glücklicher Weise – immer gesünder älter werden, jedoch steige auch die Wahrscheinlichkeit, im hohen Alter hilfe- oder pflegebedürftig zu sein. Schon heute habe fast jede/r als Angehörige/r, Freund/in oder Nachbar/in Berührungspunkte mit Pflegebedürftigkeit. Mehr als zwei Millionen Menschen sind derzeit in Deutschland pflegebedürftig im Sinne der Pflegeversicherung. Und weitere ungefähr drei Millionen Menschen haben einen Hilfebedarf, dessen Ausmaß aber (noch) zu gering ist, um Leistungsansprüche gegenüber der Pflegeversicherung auszulösen. Zwei Drittel aller pflegebedürftigen Menschen leben in ihren eigenen vier Wänden. Die meisten von ihnen werden vom eigenen sozialen Netzwerk unterstützt. Zugleich arbeiten jetzt schon rund 800.000 Menschen allein in der ambulanten und stationären Pflege. Der Arbeitssektor Pflege und Gesundheit ist mittlerweile eine der größten Beschäftigungsbranchen in Deutschland – und wird weiter wachsen. Um künftig die Herausforderungen des demografischen Wandels zu bewältigen und individuelle Pflegelösungen zu ermöglichen, sei es erforderlich, Angehörige bei der Pflege in der Familie zu unterstützen, so die Bundesministerin.

Insgesamt ist damit der adäquate Umgang mit der neuen Kultur des Pflegens ein Themenfeld, das sowohl individuell als auch gesellschaftlich in hohem Maße relevant ist. Die Bedingungen, unter denen hilfe- und pflegebedürftige Menschen leben, müssen an ihrem Anspruch auf menschenwürdige Pflege ausgerichtet sein – Staat und Gesellschaft, Leistungsanbieter und Kostenträger sind dafür verantwortlich. Aber auch jede/r Einzelne ist gefordert, sich frühzeitig mit Fragen zur eigenen Lebensgestaltung bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit auseinandersetzen.

„Der Maßstab für gute Pflege ist die deutsche Pflege-Charta. Pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen benötigen gesellschaftliche Unterstützung, um den Anspruch auf menschenwürdige Pflege mit Leben zu füllen. Wir alle, Politik, Bürgerinnen und Bürger und Institutionen sind aufgerufen, an der Umsetzung der Pflege-Charta mitzuwirken!“, sagte Bundesministerin Dr. Kristina Schröder. „Dazu gehört auch, dass Beruf und Pflege genauso gut vereinbar sein müssen wie Beruf und Kindererziehung. Deswegen brauchen wir unter anderem eine gesetzliche Familienpflegezeit“, erklärte die Ministerin.

Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg (Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege und Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes) befürwortete ausdrücklich für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege das Konzept von Ministerin Dr. Kristina Schröder zur Familienpflegezeit und sicherte ihr Unterstützung bei diesem Vorhaben und der Umsetzung der Pflege-Charta zu.

Liz Mohn (Unternehmerin und Präsidentin der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe) sprach sich in Ihrem Grußwort dafür aus, dass Unternehmen mehr Verantwortung für eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Berufstätigkeit übernehmen. Dazu gehören geeignete Arbeitszeitmodelle ebenso wie eine persönliche Anteilnahme an der Situation der Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmer.

In einer Gesprächsrunde, moderiert von der Journalistin Sybille Seitz, berichtete der Abteilungsleiter im BMFSFJ MinDir Dieter Hackler unter anderem über die Maßnahmen des Ministeriums zur Umsetzung der deutschen Pflege-Charta: „Wir haben die Pflege-Charta in Deutschland schon weit verbreitet und eine Website eingerichtet. Die Servicestelle Pflege-Charta ist für alle, ob professionell oder privat Interessierte, Rat- und Hilfesuchende Anlaufstelle rund um die Pflege-Charta. Über die Servicestelle haben wir auch Praxisprojekte mit Pflegeanbietern zur Umsetzung der Pflege-Charta gefördert. Und nicht zuletzt die gesetzlichen Entwicklungen: In der Begründung des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes und im Wohn- und Teilhabegesetz wird Bezug auf die Pflege-Charta genommen.“

Lieselotte Vogel (Buchautorin) sprach sich für Eigenverantwortung älterer Menschen aus und schilderte den Entwicklungsprozess ihres Buches „Ich lebe weiter selbstbestimmt“, in dem es um ihren Umzug in ein Seniorenstift geht: „Mein Mann und ich wollten nie von unseren Kindern gepflegt werden. Wir haben uns ganz bewusst für diese Lebensform im Alter entschieden – und wir fühlen uns sehr wohl damit. Es geht aber nicht darum, wofür man sich entscheidet, sondern dass man sich rechtzeitig entscheidet, wie man leben will und dies eigenverantwortlich vorbereitet.“

„Selbstbestimmt und individuell Leben, so wie die Pflege-Charta es formuliert, sollten alle Menschen leben können“, so Dr. Marianne Koch (Ärztin und Präsidentin der Deutschen Schmerzliga): „Es ist wichtig, dass es die Pflege-Charta gibt – aber damit sie auch umgesetzt werden kann, müssen die Rahmenbedingungen für Pflegekräfte auch verbessert werden.“ Außerdem machte Dr. Koch darauf aufmerksam, dass alte Menschen zu häufig mit unnötigen Schmerzen leben würden. Wenn Ärzte behaupten, Schmerzen seien altersbedingt nicht vermeidbar, dann sind sie meist nicht ausreichend informiert über Therapiemöglichkeiten. Ältere Menschen sollten sich in solchen Fällen an qualifizierte Ärzte wenden.

Alle drei Gesprächsgäste waren sich einig, dass es erhebliche Verbesserungspotentiale rund um das Berufsfeld Altenpflege einschließlich der gesellschaftlichen Wertschätzung für Pflegekräfte gibt – mit ihrer Realsierung könne auch dem bereits bestehenden Fachkräftemangel entgegen gewirkt werden.

Prof. Clemens Tesch-Römer (Institutsleiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen) informierte das Publikum über aktuelle Trends zu Fragen des Altwerdens in Deutschland. Die demografische Entwicklung bezeichnete er als gesellschaftlichen Erfolg, denn heutzutage hat jeder Mensch eine große Chance, gesund alt zu werden. Früher war es nicht selten, dass Menschen in der Kindheit, Jugend oder im jungen Erwachsenenalter starben. „Wir müssen uns daran erinnern, dass die demografische Alterung eigentlich ein Glücksfall ist“, so Prof. Tesch-Römer.

Der Nachmittag war von Eindrücken aus der Praxis von Trägern, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten geprägt: Oberin Gabriele Müller-Stutzer (DRK Schwesternschaft Marburg) stellte Beispiele aus der bundesweiten Arbeit der Rotkreuz-Schwestern vor. Hans-Werner Rössing (Geschäftsführer APD Ambulante Pflege Dienste Gelsenkirchen GmbH) präsentierte Ergebnisse aus dem Projekt „Umsetzung der Pflege-Charta in der ambulanten Pflege“. Dietrich Mehnert (Geschäftsführer Grafschafter Diakonie Moers) und Bernhard Stärck (AWO Schleswig Holstein) zeigten, welche Auswirkungen eine Selbstbewertung auf Grundlage der Pflege-Charta in ihren Einrichtungen und Diensten haben kann. „Werteorientiert arbeiten, heißt eigenes Handeln täglich zu hinterfragen“, war der gemeinsame Nenner. In einem Interview mit den Pflegedienstleiterinnen Brigitte Siedschlag (AWO Schleswig-Holstein) und Dagmar Balluff (Grafschafter Diakonie Moers) sowie dem Einrichtungsleiter Wolfgang Dyck (Grafschafter Diakonie Moers) wurde deutlich, dass gute Pflege nicht immer nur eine Frage der finanziellen Mittel ist: Geld sei wichtig – aber noch wichtiger sei die wertschätzende Einstellung und die positive Haltung der beruflich Pflegenden, jeder einzelnen Privatperson aber auch Politik und Gesellschaft den älteren hilfebedürftigen Menschen gegenüber.

Besondere Beachtung fand auch ein musikalisches Projekt, dass einen weiteren interessanten, Menschen zugewandten, Ansatzpunkt der Pflege bot. Unter dem Leitwort „Musik heilt, Musik tröstet, Musik bringt Freunde“ (Yehudi Menuhin) stellte die Vorsitzende Asta von Oppen den Verein Yehudi Live Music Now e.V. vor, der angehende, hochbegabte Berufsmusikerinnen und -musiker fördert und für kostenlose Konzerte an soziale Einrichtungen, wie Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser, vermittelt. Eine Kostprobe exzellenter Jazzmusik lieferte das vom Verein geförderte Quartett „Vizio“..

Das Programm und die Präsentationen zur Veranstaltung finden Sie hier.

Den Einladungsflyer finden Sie hier.

Botschafterinnen und Botschafter der Pflege-Charta finden Sie hier.

Fotos zur Veranstaltung finden Sie hier.

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