Tagungsbericht vom 14.01.2008
Auf der ersten bundesweiten Fachtagung zur Pflege-Charta am 14. Januar 2008 wurden Zeichen gesetzt für die Ausgestaltung würdevoller Hilfe und Pflege in Deutschland.
„Zeichen setzen!“, so lautete das Credo der Tagung. Zeichen zur Unterstützung der Charta: dazu kamen rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Bereichen der Pflege in der Katholischen Akademie in Berlin zusammen. Als wichtiges Zeichen der Unterstützung startete der Parlamentarische Staatssekretär Dr. Hermann Kues im Rahmen der Tagung die symbolische Unterzeichnungsaktion zur Charta auf der Homepage www.pflege-charta.de, die am gleichen Tag eröffnet wurde. Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer setzten bereits während der Tagung plakativ ein Zeichen mit ihrer Unterschrift für die Charta, um damit zu dokumentieren, dass und wie sie sich für die Umsetzung menschenwürdiger Hilfe und Pflege einsetzen.
Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Hermann Kues, Konzept und Foto: Cathrin Bach
Zeichen wurden aber auch für die praktische Arbeit mit der Charta gesetzt. Anhand von Praxisbeispielen wurde aufgezeigt, wie vielschichtig die Ausgestaltung würdevoller Hilfe und Pflege mit der Charta ist. Bei dem großenteils praxisorientierten Teilnehmerkreis traf die Präsentation von konkreten Anwendungsmöglichkeiten der Charta in Qualitätsmanagementprozessen von Organisationen auf großes Interesse: Roland Weigel von Konkret Consult Ruhr zeigte, wie ein Benchmarkingkreis aus neun Pflegeunternehmen derzeit mithilfe gemeinsamen Lernens Veränderungsprozesse im Hinblick auf werteorientiertes Qualitätsmanagement auf der Grundlage der Charta anstößt. Helmut Wallrafen-Dreisow, Geschäftsführer der Sozial-Holding Mönchengladbach machte deutlich, wie Träger und ihre Einrichtungen die Charta nutzen sollten, um ihre Leistungen kontinuierlich an den Qualitätsmaßstäben und den Rechten ihrer Kunden auszurichten.
Besondere Aufmerksamkeit fanden zwei Praxisbeispiele die zeigten, was mit einfachen Mitteln und viel Ideenreichtum wirksam für mehr Lebensqualität der pflegebedürftigen Menschen getan werden kann: Thomas Wernli, Einrichtungsleiter aus der Schweiz, stellte eine erfolgreiche Plakataktion des Alterszentrums Kehl vor. Dabei werden die Bewohnerinnen und Bewohner ermuntert werden, eigene Vorstellungen vorzutragen und ihren Aufenthalt mit der größtmöglichen Selbstbestimmung mitzugestalten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden in diesen Prozess der Neuorientierung einbezogen und aufgefordert, sich mit einer „neuen Haltung“ auseinander zusetzen. Wernlis Fazit: „Es braucht vor allem Mut. Mut, Wünsche und Anliegen von Bewohnerinnen und Bewohnern zu erfüllen, den Mut, Fehler zu machen. Mut aber auch, Verordnungen und Routinehandlungen zu hinterfragen.“ Anke Buhl aus Schleswig-Holstein berührte die Teilnehmerschaft mit der Vorstellung der Aktion „Wünsche wecken“ der AWO Schleswig-Holstein. Anke Buhl: „Die Aktion öffnet Türen zu den Menschen und bringt uns ganz nah an sie heran. Viele Wünsche lassen sich ganz leicht umsetzen – und bewirken so viel Positives für die Lebensqualität der betroffenen Menschen.“
Welche Relevanz die Charta auch für den Bereich der Akutpflege hat, zeigte ein Praxisbeispiel aus dem Hümmling-Krankenhaus Sögel: Renate Beckering und Jens Eilers legten dar, wie die Charta bei der Mitarbeiterschaft im Krankenhaus zum Beispiel im Rahmen von Qualitätszirkeln und bei den Patientinnen und Patienten durch systematische Information etabliert werden kann.
Dirk Müller vom Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie Berlin, berichtete über das Projekt zur Entwicklung einer Hospiz- und Palliativkultur in den Pflegeinrichtungen des Unionhilfswerks. Wie im Rahmen von Unternehmensführung gute Pflegequalität durch Motivation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter z.B. über leistungsorientierte Bezahlung gelingen kann, legte Christoph Jaschke vom Heimbeatmungsservice Brambring & Jaschke dar.
Das Thema Transparenz von Leistungsangeboten (Artikel 5 der Charta) stieß auf großes Interesse: Katrin Markus stellte die Initiative der BIVA www.heimverzeichnis.de vor, einer Homepage, die künftig verbrauchergerecht Informationen über Pflegeeinrichtungen bereit stellen wird. Für die Kriterien stellt die Charta u.a. einen Ausgangspunkt dar. Ingo Bach vom Berliner Tagesspiegel berichtete über den Ersten Berliner Pflegeheimvergleich, den der Tagesspiegel gemeinsam mit der Berliner Sozialsenatorin durchgeführt hatte. Im November 2007 erschien die Zeitungsserie in dreizehn Folgen, die erstmals ausgewählte Daten zur Pflegequalität in 252 Berliner Pflegeheimen enthielt.
Über gesellschaftliche und berufliche Verantwortlichkeiten für die Umsetzung der Charta referierten Frau Prof. Dibelius von der Evangelischen Fachhochschule und Prof. Gronemeyer, von der Universität Gießen und Vorsitzender der aktion-demenz e.V.. Dibelius forderte beruflich Pflegende dazu auf, Menschrechte stärker in ihr berufliches Selbstverständnis zu integrieren. Prof. Gronemeyer forderte in seinem Vortrag eine stärkere Orientierung an den besonderen Bedürfnissen von Menschen mit Demenz in unserer Gesellschaft. Die Charta bezeichnete er in diesem Zusammenhang als einen „Ausweis hoher Kultur“, die dieses Anliegen berücksichtige.
Die Veranstaltung wurde von der Leitstelle Altenpflege im Deutschen Zentrum für Altersfragen in Zusammenarbeit mit dem BMFSFJ organisiert. Um den Prozess der Verbreitung und Umsetzung der Charta zu unterstützen, sind in diesem Jahr weitere, u.a. regionale Veranstaltungen und Workshops zur Charta geplant. Als Kommunikations- und Informationszentrum rund um die Charta steht Ihnen die Leitstelle Altenpflege zur Verfügung.
Vorträge und Präsentationen der Tagung finden Sie hier.



